Es gibt da eine persische Geschichte vom Tod und dem Mann von Isfahan:
Ein Knecht bekommt von seinem Herrn eines Morgens den Auftrag, in der Stadt Vorräte einzukaufen. Er erhält eine große Summe Geldes und macht sich auf den Weg.
Kurz vor den Toren der Stadt sieht er den Tod stehen, der ihn anschaut und ihm zu winken scheint. Der Mann erschrickt sehr, rennt den Rest des Weges, vergißt den Auftrag seines Herrn, kauft sich von dem anvertrauten Geld ein Pferd und reitet den ganzen Tag und die halbe Nacht hindurch bis er in einer entfernten Stadt zuletzt noch ein offenes Gasthaus findet. Dort läßt er sich ein Zimmer im hintersten Winkel geben, verriegelt von innen die Tür und wirft sich erschöpft aufs Lager.
Da sieht er den Tod am Fußende seines Bettes. Er fährt auf und ruft::"Was machst Du denn hier?" - Antwortet der Tod: "Das wollte ich dich heute morgen in Isfahan fragen. Ich war überrascht dich dort zu sehen, denn ich wußte doch, daß wir heute nacht hier in diesem Zimmer eine Verabredung hatten."
Es ist eine Geschichte vom Schicksal, aber nicht von der Machtlosigkeit. Der Mann hätte eine Alternative gehabt. Wenn er das Geld nicht veruntreut hätte, wenn er lieber gestorben wäre, als seine Ehrlichkeit zu verlieren, wenn er also sein anhaftendes Selbst hätte sterben lassen, wenn er den psychologischen Tod gestorben wäre, dann hätte er sein körperliches Leben gerettet.
Andererseits gibt es auch eine Situation, wo ein Mensch so panische Angst hat vor dem Tod, daß er auch die verrücktesten Sachen tut, um sich zu "retten". Wenn er nämlich so viel Angst hat im klaren Licht sein Leben vor Gott auszubreiten, wenn er das Jüngste Gericht fürchtet, weil er bereits - zu recht oder zu unrecht - ein schlechtes Gewissen hat, weil er an die Verdammnis der Schuldigen glaubt, vielleicht sogar selber daran mitgestrickt hat. Durch diese Konstellation entsteht die Panik, die zu Kurzschlußhandlungen führt. So läßt sich erklären, warum Menschen alles verraten, nur um nicht als Schuldige dazustehen. Das traditionelle Problem mit der Schuld ist, daß wir Schuld mit Entwürdigung, Verachtung, Verlorensein und Liebesentzug verknüpfen. Deshalb ist es so schwer da hinzugehen.