Heiliger Zorn

In Erlangen gibt es eine ökumenische Frauenliturgiegruppe. Da war ich zur Zeit der Ölkatastrophe im Golf von Mexico, sporadisch mit dabei. Im Juli hab ich vorgeschlagen als nächstes Thema, für den 12.September, das "Jüngste Gericht" zu nehmen und diesen Abend vorzubereiten. Hier sind ein paar Stellen aus der vorbereitenden Kommunikation mit den Frauen:

Es ist mir erst durch die Reaktion der sogenannten spirituellen Heiler und Transformierer auf die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko aufgefallen, wie peinlich wir es vermeiden wollen, klar unsere Fehler oder die Fehler anderer zu benennen und von daher ist es natürlich auch unmöglich sie zu "transformieren".

Die Bilder von der Raupe und dem Schmetterling oder von dem Phönix aus der Asche sind allen geläufig und werden oft bemüht, aber auf den Tod, der damit einhergeht, die Auflösung der alten Strukturen wird höchstens im Sinn von diversen, diffusen Appellen zum "Loslassen" oder generalisierten Erinnerungen an die Leerheit aller Phänomene eingegangen. - Ist ja nicht schlecht und hilft auch oft. -

Seither habe aber ich so ein Schuppen-von-den-Augen-fallen-Gefühl. Natürlich, wie konnte ich das nur vergessen? Nach dem Tod und vor der Auferstehung kommt das Gericht! Das geht mit Heulen, Zähneklappern und großer Angst einher. Der Tag des Zorns. Mir fiel auf, daß ich einerseits zwar Gott als innewohnend begreife, aber wenn ich an das Jüngste Gericht denke, da ist Er - und in diesem Falle auch wirklich männlich - ein von außen Donnernder. - Das geht so nicht. Da fehlt noch was - und das Gericht einfach weglassen stimmt eben auch nicht!! -

Wie wäre es, wenn ich den Zorn freiwillig einladen würde? - Der würde dann entweder durch Träume oder inneres Erwachen, aber auch durch die Worte anderer Menschen an mich herangetragen. - So wie Gottes Hilfe, Gottes Liebe und Gnade sich durch andere manifestiert - oder auch durch innere Schau, aber nie von einer Michelangelo-ähnlichen Figur - möchte ich mich auch für Gottes Zorn verpackt z.B. in der Kommunikation meiner Mitmenschen öffnen.

Ich habe da ein Bild, nach welchem der Zorn ist wie ein Schnitzmesser, welches die Ecken und Kanten, die beim achtsamen Miteinander stören wegschnitzt, oder auch wie ein Presslufthammer oder ein feines Schleifpapier, je nach Erfordernis. - Im Chinesischen ist die Kraft des Donners das erweckende belebende Prinzip, welches Menschen in Angst versetzt, sie aber auch inspiriert - und selbst im sanften Buddhismus gilt reiner Zorn als positive Kraft, ohne die es nicht geht.

Dabei kommt es nicht nur darauf an, wie jemand seinen Zorn ausdrückt, sondern auch, wie ich ihn höre. Mit Verurteilung oder Verachtung, weil einer wütend geworden ist und die politisch korrekten Formen verletzt hat, oder mit einem Sinn für das tiefe Anliegen, welches aus der Wut zu mir spricht.

Umgekehrt hilft mir diese Sichtweise, meine eigene Wut  nutzbar zu machen, wenn ich mich frage, welche unzuträglichen Ecken und Kanten will ich hier korrigieren, oder welche Krankheit heilen, welche Narbe erweichen. Oft verwandelt sich der Zorn durch diese einfache Frage bereits in einen gerichteten Handlungsimpuls.

Wenn ich dem Zorn Achtung entgegenbringe, sei es der meine oder der von anderen, weil er ja in der Essenz der Zorn Gottes ist, dann fällt es auch leichter, dessen zerstörendes Potential zu meistern.

Zorn und Wut sind sehr verwandt, aber ich denke, Zorn richtet sich auf das Bewußtsein, das mentale Konzept, während Wut die materielle Manifestation meint. Von daher müßte man auftretende Wut wieder in Zorn zurückverwandeln, denn in den seltensten Fällen ist eine direkte körperliche "Schnitzaktion" angebracht.

Wenn ich also Zorn und Wut essentiell als Botschaft Gottes respektiere - auch wenn sie bis zur Unkenntlichkeit verpackt sind, kann ich ihre gefährliche Intensität loslassen oder absorbieren, - was sich dann in befreiendem Lachen äußern könnte, oder ich kann sie kontrolliert an den zu zerstörenden, zu korrigierenden Punkt hinlassen bzw. dirigieren, - oder beides. - Das ist die Vision.

Es ist auch eine Vereinfachung, deren ich mir bewußt bin. Was nicht enthalten ist, ist die Möglichkeit der Suchtentwicklung. Menschen können nach Zorn und Wut süchtig geworden sein, wir lieben das Gefühl der Macht und Stärke, der Klarheit und Eindeutigkeit, die in Wut und Zorn vorhanden zu sein scheinen. Das sind alles Wahrnehmungen göttlicher Natur und es ist ein Beweis, daß wir uns nach nichts so sehr sehnen, wie nach Vereinigung mit Gott. Alles, was uns an diesen wunderbaren Zustand erinnert, kann uns süchtig machen. -

Wenn das aber passiert ist, dann wirft es zusätzliche Probleme auf, bei denen, die süchtig geworden sind und auch bei denen, die unter den Süchtigen gelitten haben. Könnte gut sein, daß es diese zusätzlichen Probleme sind, die uns den Zugang zur reinigenden und erneuernden Wirkung des göttlichen Gerichts bisher versperrt haben. Gerade deshalb ist es so wichtig, das Gericht für uns und unser Menschwerden zu erschließen.

Zorn und Wut erhalten durch die religiös-spirituelle Komponente des Jüngsten Gerichts ihren richtigen Platz und Zusammenhang.

Es geht naturgemäß immer wieder um Zorn und Wut, denn damit haben wir die meisten Probleme, das verurteilen wir an uns selbst und an anderen und das ist auch das schwierigste Element des Jüngsten Gerichts.

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