Zerstörung?

Zitat aus einem Brief einer Freundin, die meine Einstellung zu Zorn und Wut kritisierte:
... „Wut, welcher stets eine Kränkung vorausgeht, für die ich Vergeltung beanspruche ist m.E. wenig effektiv, ja gefährlich: Ich wüte!“

so wie Du das beschreibst trifft das auf die Wut als Sucht zu, wenn sie aus dem unerlösten Selbst kommt, welches sich von Gott getrennt erlebt und daher nach allen Suchtmitteln greift. -

In Deiner Formulierung liegt aber auch linguistisch bereits der Hinweis auf die erlöste Wut: sie kommt von einer "Kränkung", von etwas, was krank macht.

Selbst in dem unerlösten "Gekränkt Sein" steckt als Kern, tief innen drin der vorausgegangene Verlust der natürlichen Würde, die Narbe einer Demütigung - aus welchen Gründen auch immer. So sind wir zum Beispiel oft für Fehler gedemütigt worden, obwohl das Fehler machen ein Menschenrecht ist ebenso wie die menschliche Würde.

Für das "Krank-machende" beanspruchen wir dann "Vergeltung". In der unerlösten Form wäre Vergeltung , wenn sie denn überhaupt erreicht würde, nur ein Rausch von kurzer Dauer und gehörte somit auch wieder zu den Suchtmitteln. Aber da steckt auch das Wort "Geld" und "Gold" drinnen. Wir suchen nach Gold, der heiligen materie-gewordenen Energie, dem materiellen Äquivalent Gottes. - Im erlösten Zustand wäre Wut (oder Zorn, je nachdem ob sie mehr aufs Bewußtsein oder mehr auf die materielle Situation gerichtet ist, ) die geeignete Kraft, um das Krankmachende zu heilen oder zu korrigieren.

Aber mal ganz abgesehen von theoretischen Überlegungen beweist die Praxis immer wieder, daß sich Wut nicht oder nicht ohne hohen Preis unterdrücken läßt. Selbst der Dalai Lama sagt von sich selbst, daß er seine Wut gelegentlich nicht beherrschen kann und ihr verbal Luft macht.

Manche Menschen  können dagegen  sehr wohl, offene Äußerungen von Wut unterdrücken, vor allem wenn sie sehr große Angst vor Wut hatten oder eine sehr große Verurteilung von Wut besteht, oder beides. - Wenn Menschen Wut aus Angst unterdrücken, verlieren sie dabei an Definition. Der Kopf schaltet ab, Mensch kann oft nicht mehr klar denken, ein Gefühl von emotionaler Flachheit kann sich einstellen, unbestimmte Ängste oder andere unerklärliche Gefühle treten auf und vor allem scheinen die Menschen in der Umgebung immer gereizt und wütend zu werden.

Als rettender Ausweg bietet sich dann mentale Verurteilung der Wut an. Auf diese Weise wird die emotionale Energie in mentale Energie umgewandelt, Mensch kann wieder klarer denken, aber  findet sich in einer schwarz-weiß Landschaft von Guten und Bösen. - Mensch kann gar nicht anders als sich selbst über die minderwertigen, wütenden Leute zu stellen und führt dadurch, bewußt oder unbewußt, eine Trennung herbei. Diese Trennung ist "nur" auf der geistigen Ebene, ist aber so fatal, destruktiv und gewalttätig wie z.B. der Gedanke, daß die weiße Rasse über der Schwarzen stünde.

Ich habe öfters bei Ehepaaren erlebt, wie sich der äußerlich friedliche Partner innerlich über den anderen stellte, weil der oder die regelmäßig wütend wurde.  Meiner Meinung nach ist geistige Gewalt verletzender als emotionale oder körperliche. Sie ist auch mächtiger und länger anhaltend. So wie der Geist die Emotionen und den Körper erschafft und bestimmt, also mächtiger ist als die Materie, ist auch Gewalt auf der geistigen Ebene verheerender als auf der körperlichen Ebene. Man sieht es nur nicht so deutlich. -

Für mich selbst mache ich einen Unterschied zwischen Wut bzw. Zorn als Energie, Quelle von Information, Kraft und Handlungsimpuls einerseits und ungeeignetem, kontraproduktivem, schädlichem Ausdruck der Wut andererseits. Letzteres hat verständlicherweise zum schlechten Ruf der Wut geführt. Wut ist wie der Zauberstab, den man zu gebrauchen erst lernen muß. Andernfalls bewirkt er Zerstörung.

Man könnte die Wut vielleicht mit Fieber vergleichen. Sie entsteht spontan, sie gehört zur Grundausstattung so wie Fieber auch. Fieber wirkt dadurch, daß bei höherer Temperatur die Prozesse im Körper schneller ablaufen und das Immunsystem daher schneller arbeiten kann. So hilft Fieber dem Körper Krankheiten zu bekämpfen, es kann aber auch selbst zur Gefahr werden und tödlich sein.

Temperatur ist Geschwindigkeit. So wie sich verschiedene Temperaturen ausgleichen braucht auch die Wut den Austausch. Die Umgebung kann die Energie der Wut nutzbar machen indem sie sie aufnimmt und sich zumindestens ein bißchen beschleunigen läßt. Wenn die Umgebung mauert, isoliert,  wird die Wut dadurch unter enormen Druck gesetzt, sie verliert die Hoffnung auf Erfolg und wird daher folgerichtig zerstörerisch. -

Selbst Zerstörung hat einen goldenen Kern. Stell Dir vor, Du könntest nie ein mißlungenes Bild zerreissen, einen mißglückten Satz löschen, ein fehlerhaftes Werkstück wegschmeissen. - Zerstörung ist im großen Zusammenhang gesehen absolut notwendig, gut und entwicklungsfördernd. Wenn ein System durch und durch fehlerhaft ist, dann wird es re-cycled. Die Geschichte von Sodom und Gomorrha. Solange noch eine einzige gangbare Hoffnung besteht - ein einziger Gerechter in der Stadt lebt - wird sie verschont. Wenn aber eine Mauer der totalen Ablehnung besteht, keine Hoffnung auf Erfolg, dann erlebt Wut sich wie in der Situation von Sodom und Gomorrha, kein Gerechter ist mehr in der Stadt, und will zerstören. -

Versteh mich bitte nicht falsch. Das heißt nicht, daß ich Zerstörung wirklich für das Mittel der Wahl halte. Ich verstehe lediglich die Umstände in denen normale, wunderbare Menschenwesen solche "Aussetzer" zu haben scheinen. -

Viele liebe Grüße und Danke für die Kommunikation!!

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